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#F95 „Problemfans“ & die erfolgreiche Eskalationspolitik der #ZuAllemBereit-Polizei

#MSVF95. Als unsere Reisegruppe am 29.04.2016 kurz nach 16 Uhr am Düsseldorfer Hbf in die mit Bundespolizei und Fortuna-Fans prall gefüllte S-Bahn zum Auswärtsspiel nach Duisburg stieg, wurde schnell klar, dass sich die Fahrtzeit von normalerweise 20 Minuten dank unserer Eskorte großzügig um eine gute Stunde verlängern würde.

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Ankunft S-Bahnhof Duisburg Schlenk 17:46 Uhr

Endlich in der Nachbarstadt angekommen, wunderten wir uns zunächst, dass wir uns doch noch gemeinsam mit den früher angereisten Fans auf den Weg machen konnten, bis wir erfuhren, dass diese nicht ganz freiwillig in einem Polizeikessel auf uns gewartet hatten. Dies schildert u.a. der Autor des Blogs einBISSCHENfußball, der auf dem Fußweg zum Stadion gegen 17 Uhr an der S-Bahn Haltestelle “Am Schlenk” in einen Kessel der Polizei geriet, die einige hundert Düsseldorfer Fans sowie die ankommenden Ultras festsetzte, um sie später gesammelt in einer einzigen großen Gruppe zum Stadion eskortieren zu können. Als erkennbare MSV-Fans konnten er und seine Freunde die Polizei allerdings mit einiger Überredungskunst davon überzeugen, sie durch die Absperrung zu lassen, so dass sie ihren Weg zum Stadion rechtzeitig fortsetzen konnten. Aber:

„Wer als Fortunafan zu erkennen war, egal ob jung oder alt, männlich oder weiblich, Ultra oder Kutte, hatte dieses Glück nicht und war gezwungen, auf den Abmarsch des gesamten Mobs zu warten.

So kam es dazu, dass wir mit zusammen mit den anderen rund 2000 „Problemfans“ konspirativ „erst gegen 17:50 Uhr geschlossen vom S-Bahnhof Schlenk gestartet sind“ und so „gezielt massiven Druck auf die Kontrollstelle am Gäste-Eingang aufgebaut haben“ – wie die Polizei Duisburg in ihrer Pressemitteilung verlauten lässt:

Etwa 2000 Fortuna-Anhänger sammelten sich ab 17:00 Uhr am S-Bahnhof Im Schlenk und starteten erst gegen 17:50 Uhr geschlossen zum Stadion. Sie bauten dadurch gezielt massiven Druck auf die Kontrollstelle am Gästeeingang auf, obwohl die Polizei mit zahlreichen Lautsprecherdurchsagen davor gewarnt hatte, dass es bei einer so großen Gruppe zu erheblichen Verzögerungen kommen wird. Immer wieder versuchten Fangruppen, durchzubrechen. Die Polizei setzte Pfefferspray und den Einsatzmehrzweckstock ein.

Das viele der Fans schlicht durch eine defekte S-Bahn aufgehalten wurden, passte dabei wohl nicht ins Bild der Polizei und fand deshalb keine Erwähnung. Wie dem auch sei, um 17:50 Uhr ging es in Begleitung mehrerer Hundertschaften inklusive Polizeihunden und Hub-Hub-Hubschraubereinsatz endlich los, einige Wasserwerfer wollten wohl auch noch getestet werden. Ein Großteil der Beamte fährt wahrscheinlich von diesem Einsatz direkt weiter zu den 1. Mai-Demos nach Berlin, da möchte man doch zu Recht vorbereitet sein. Die behelmte Truppe wirkte entsprechend motiviert und schien auch jederzeit bereit, sich auszutesten. Man fühlte sich wie ein Anschauungsobjekt in einem Praxistest für neue Bereitschaftspolizisten, die richtig heiß darauf sind, ihre Tauglichkeit für Hundertschaft und Massenveranstaltungen unter Beweis zu stellen. Und wer heutzutage als Fan zu einem Fußballspiel geht, ist doch durch diese Tatsache alleine bereits ein potentieller Gefährder… oder etwa nicht?

FUSSBALLFANS SIND KEINE VERBRECHER! 😉

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Der Polizei ist bei der ganzen Geschichte natürlich keinerlei Vorwurf zu machen, hatte sie doch frühzeitig davor gewarnt, dass es dank ihres genialen Sicherheitskonzeptes bei so gut wie jeder größeren Gruppe zu erheblichen Verzögerungen am Einlass kommen würde. Es war ja schließlich keinesfalls vorauszuahnen, dass es zu größeren Menschenansammlungen kommen könnte, wenn 5000+ Menschen durch einen einzigen Eingang gelotst werden…

Immerhin rief die Polizei anfangs noch zur Ruhe auf und bat darum, stehen zu bleiben und Gewalttätigkeiten zu unterlassen.

Dass die Polizei den wartenden Massen selbst noch um 18:18 Uhr noch versicherte, jeder würde das Spiel sehen zu können, barg zumindest eine gewisse Komik…

 

Nach einer Weile endeten jedoch selbst diese Lautsprecherdurchsagen als scheinbar einziges der Polizei zur Verfügung stehendes Kommunikationsmittel. Da jeder der zu Spielanpfiff noch immer über 500 ausgesperrten Fans dabei auch noch die Dreistigkeit besaß, konspirativ gemeinsam mit den anderen möglichst schnell durch den einzigen Eingang ins Stadion gelangen zu wollen, wirft ihnen die Polizei natürlich absolut korrekter Weise einen „bewussten Massenansturm“ vor. Und wenn diese Masse dann auch noch das gleiche Ziel hat, wie z.B. wenigstens noch die zweite Halbzeit des eigentlichen Fußballspiels zusehen, kommt das ja quasi einer Verschwörung gleich.

Allerdings blieben die ausgesperrten Fortunen noch immer ruhig, als sich um 18:34 Uhr weiterhin nichts getan hatte – obwohl sie hörten, dass das Spiel entgegen sonstiger Gepflogenheiten pünktlich angepfiffen wurde. Da das Ganze nach reiner Schikane der Polizei aussah, wurde sich allerdings vereinzelt beschwert: „So etwas habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt!“

 

Erst als die Polizei beschloss, 20 Minuten nach Spielbeginn den ohnehin schon zu knappen Platz im Polizeikessel mit einem Wasserwerfer noch weiter zu verengen, während von hinten die weiterhin ankommenden Fans immer stärkeren Druck auf die vorne eingekesselten Personen ausübten, begann die Situation zu eskalieren – wie das folgende Video „Polizei vs. Fortuna Fans – Polizeieinsatz mit Pfefferspray“ von myf95 auf youtube zeigt.
Was sich die Einsatzleitung dabei gedacht hat, den Druck auf die eingekesselten Fans durch den Wasserwerfer noch zusätzlich zu erhöhen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben…

 

Da diese Personen nämlich von der Menge immer weiter nach vorne gedrückt wurden und sich auch die Polizei den Gesetzen der Physik beugen muss, konnten die Fans schlicht nirgendwo hin ausweichen oder zurückgeknüppelt werden. Ein weiterer Augenzeuge beschreibt seine Erlebnisse folgender Maßen:

„So aggressive Polizisten habe ich noch nie gesehen. Ein erster Mini-Durchgang wo alle durchmüssen. 18:15 Uhr. Locker 2.000 Leute hinter mir. Ich stand ganz rechts an diesem „Demo-Zaun“. Es war sehr eng, aber friedlich. Vor mir der Mann fiel hin, ich dann auch, geriet mit dem Fuß unter das Absperrgitter und bekam mein Fuß nicht mehr raus. Ein weiterer fiel mit seinem Knie auf mein Oberschenkel. Der wird gerade richtig blau/rot. Nach 30-40 Sekunden half mir der vorher gefallene Fortuna-Fan auf. Was macht die Polizei: Die stehen daneben und ziehen die Schlagstöcke und das Reizgas.“

Gegen 18:50 Uhr hatten schließlich die Ordner ein Einsehen, öffneten die Schleuse und ließen sich von den nach Luft japsenden, halb an den Gittern zerquetschten Fans „überrennen“. Mit dem gelösten Druck entspannte sich natürlich auch die künstlich erschaffene Konfliktsituation sofort und die letzten Fans und Ultras konnten tatsächlich bereits kurz vor Ende der ersten Halbzeit das Stadion betreten.
Dass die Beamten in dieser Situation mit (völlig sinnloser) Gewaltanwendung reagierten, statt sie durch eine Öffnung der Absperrung einfach frühzeitig zu entspannen, sorgte natürlich für eine geradezu skandalös gute Stimmung bei den Fortuna-Fans.

Die Polizei-Gewalt lässt sich sehr gut im Video von fortuna-videos.de nachvollziehen: „Derby-Chaos in Duisburg“ (1:42 – 6:30).

Die systematischen Mängel im Sicherheitskonzept und des zur Eskalation führenden Fehlverhaltens der Einsatzkräfte analysiert Gero Wollgarten detailliert in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Duisburger Zustände beim Straßenbahnderby MSV-F95“.

einBISSCHENfußball beschreibt die Situation beim Einlass folgendermaßen:

Höhnischer Weise wurde selbst noch wenige Minuten vor dem geplanten Anpfiff per Lautsprecher verkündet, dass jeder rechtzeitig ins Stadion käme. Kommunikativ eine glatte 6, denn jeder halbwegs intelligente Mensch konnte dazu nur mit dem Kopf schütteln! Zudem kam erschwerend hinzu, dass sich der Weg zum Gästeeingang (der alle Fans der Südtribüne aufnehmen musste) permanent bis auf wenige Meter Breite verengte, so dass man irgendwann zwischen 2 hohen Zäunen eingezwängt darauf wartete, weiter zu kommen. Es gab Panikreaktionen, die an die Loveparade vor einigen Jahren in der selben Stadt erinnerten. Junge Mädchen weinten, ältere Herren sah man das Unwohlsein an. Am Einlass selber wurde so langsam kontrolliert, was auch der geringen Zahl an Einlassstellen geschuldet war, so dass sich der Druck fast zwangsläufig erhöhen musste.

Letztlich kam es zum in den Medien geschilderten “Sturm” der Einlasskontrolle, es wurde gepfeffert was das Zeug hielt, es wurde geschlagen was der Schlagstock hergab und am Ende gab es für einen Großteil der Gästefans keine Einlasskontrolle oder geordneten Zugang mehr.

[]

Ich habe selten so viele Personen gesehen, die an irgendeiner Stelle ihres Körpers geblutet haben. Die Zahl von 10 Verletzten, die in den Medien genannt wird, erfasst bei weitem nicht die tats